Behauptungen zum Zustand des ICH.
Tina Simon, 2018

Claudia Rößger.

Susanne Altmann, 2017

Was zeichnet ein wirklich gutes Gedicht aus? Vielleicht, dass nicht jeder Gedanke zwanghaft ausgesprochen wird und dass in dem lyrischen Assoziationsraum Brücken des Verstehens nur angedeutet sind – Begehen auf eigene Gefahr. Ungefähr so funktionieren auch Claudia Rössgers tastende Linien, die Figuren und Gegenstände nur zögernd umreißend und den Rest unserer Phantasie überlassen. Die Künstlerin ist eine Meisterin der Beschränkung, was nicht heißt, dass sie auf Pointen oder Botschaften gänzlich verzichtet. „Heimweh“ – wohin, wonach? – empfindet das zweiköpfige Hybridwesen und hält sich aneinander fest. Ein knappes Psychogramm des Unbehagens. Andere Blätter aus diesem Zyklus spielen fast cartoonhaft mit Isolation, Einsamkeit und Sehnsucht, in einer zeichnerischen Grauzone zwischen Selbstmitleid und Selbstironie. Vielleicht verweisen collagierte Holztapetenfragmente wie Brillen oder Denkblasen auf ein längst verlorenes trautes Heim, auf Illusionen von Sicherheit? Rössgers humanoide Phantome können sich jeden Moment auflösen und sich auf dem nächsten Blatt neu zusammensetzen.

Dass Claudia Rössger bewusst auf Tektonik und Perfektion verzichtet, wirkt erfrischend – vorallem, wenn man weiß, dass sie aus der jüngeren Leipziger Malerschule stammt, wo der horror vacui eines gewissen Neoakademismus so manche stilistische Türe zuschlug, statt sie zu öffnen. Angst vor der Leere ist jedenfalls ihre Sache nicht und dass etwas nicht ausgesprochen wird, heißt nicht, dass es nicht zu Ende gedacht werden kann. Von wem auch immer. Wie bei einem guten Gedicht.

 

Susanne Altmann

 

Erschienen anlässlich der Ausstellung „Lob der Kritik“, fruehsorge contemporary drawings, Berlin 2009

 

Susanne Altmann (*1964) lebt und arbeitet in Dresden/Leipzig. Sie studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Dresden und New York. Seit 2000 schreibt sie für art.Das Kunstmagazin.

 

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