Behauptungen zum Zustand des ICH.
Tina Simon, 2018

Claudia Rößger.

Susanne Altmann, 2017

Claudia Rößger widmet sich als Malerin und Zeichnerin der unablässigen Suche nach einer Formensprache, die einem Gefühlszustand oder einem situativen Moment einen verdichteten und bisweilen metaphorischen Ausdruck verleiht. Dieser kommt durch das Verfahren figurativer Variationen zustande, bei denen ihre Protagonisten stets die Grenze des Realen überschreiten und durch Körpersprache, markante Silhouetten ihrer Kostüme, Requisiten und attributives Beiwerk ihre Wesenselemente artikulieren. Für die Ergründung eines prekären Befindens ist die sensible Linienführung der Künstlerin wesentlichen, sie verleiht der bildnerischen Vokabel Kontur.

 

In der Zeichnungsserie Konstellationen treffen reduziert gefasste Figuren aufeinander, sie interagieren mit Objekten und Tieren und manche von ihnen sind in grausame Gewaltakte verwickelt. In eigenwilliger Manier wandeln die Akteure zwischen den Welten. Sie verweilen auf einem hyperbolischen Plateau, das ihre entrückten Begegnungen zum Gegenpol sozialer Wirklichkeit erscheinen lässt. Konzentrische Rasterungen des gewählten Polarkoordinatenpapiers fangen sie ein und kontrastieren mit den roten Pinselstrichen ihrer Umrisse. Die übergeordnete Maxime für diese Zusammenkünfte auf dem Papier ist das Ritual. Rößger interessiert die einheits- und identitätsstiftende Bedeutung ritueller Handlungen, die in zeremoniellen, festlichen und familiären Zusammenhängen ihre Wirkung entfalten und den sozialen und kulturellen Zusammenhalt stiften. Ihren Darstellungsmodi ist das ästhetisierende Moment eigen, das im Zelebrieren traditioneller Bräuche, deren Praxis Metaphern, sinnbildliche Attribute und Personifizierungen einschließt, zum Tragen kommt und einer übersteigerten Wirkung Gestalt verleiht. Darin erkennt die Künstlerin theatralisches Potential, das sie ihren Figuren übereignet und auch an blutrünstigen Szenen erprobt, die mittels stilisierter Distanz der Wirklichkeit enthoben sind.

Fruchtbare Anregungen bietet ein Altmeister, Fra Angelico, dessen origineller Naturalismus sowie ikonografische und stilistische Innovationen einen Bildfundus für Figurendarstellungen vorlegt, die im Spannungsfeld von durchdringender Bewegung und kontemplativem Innehalten angesiedelt sind. Weitere formale Referenzen sind Beobachtungen der alltäglichen Umgebung und folkloristischem Handwerk entlehnt. Die neuentdeckten Strukturen und Figurationen werden vom zeichnerischem Duktus der Künstlerin aufgenommen, um in ruhiger Konzentration lakonische Gestalten hervorzubringen.

 

Natalia Raaben, Kunsthistorikerin, Berlin Oktober 2014

 

Erschienen in „The Forgotten Pioneer Movement – Guidebook“, zur Ausstellung in DISTRICT Berlin, Textem Verlag, Hamburg 2014, S. 81 - 83