Behauptungen zum Zustand des ICH.
Tina Simon, 2018

Claudia Rößger.

Susanne Altmann, 2017

Porträts aus dem Off

Überall Gesichter. Der Blick in hunderte Gesichter täglich – direkt und indirekt, auf Papier oder anderen visuellen Medien ist vertrauter Alltag. Ebenso vertraut ist das immer mitgedachte: wer ist das? Das Gesicht als Formel der Persönlichkeit, die Physiognomie als Schlüssel zum Charakter – immer ist der Blick ins Angesicht aufgeladen mit Erwartung. Im Gesicht suchen wir das Etikett des Menschen, die Vorsilbe der Begegnung, die erste Botschaft, Indizien der Zugehörigkeit, den Schattenriss der Seele.

Der Rückschluss von der Erscheinung zum Wesen, vom Angesicht zur Persönlichkeit,  geistert durch hunderte Jahre Kultur- und Geistesgeschichte. Er setzt sich fort in anatomischer und physiognomischer Forschung und ist heute - zu Zeiten der medialen Präsenz fast jedes Privatbürgers - wichtiger denn je.

Claudia Rößger greift diese unbewusste Kulturtechnik auf - und lässt sie mit lautem Knall wieder fallen! Sie findet eine ungewöhnliche künstlerische Sprache, mit der sie den Zwangsreflex von der Form zum Inhalt unterbricht. Sie will die Form.

„mixed pickles“  - die herzhafte Speisenbeilage aus Frucht- und Gemüseteilen, eingelegt in Gewürze und scharfem Essig mag dafür Vorbild sein.

Auf 24 Papierarbeiten, auf denen Rößger zum Teil intensiv collagiert, und elf Malereien (Eitempera auf Leinwand) ist diese Motivation zusammengefasst. Es sind Parodien auf die Tauglichkeit unserer Mutmaßungen und Blickschablonen, auf die Anmaßung der Vorstellungskraft.

„Das Menschliche Antlitz ist ... eine ganze Traube von Gesichtern, die, auf verschiedenen Ebenen nebeneinander gestellt, nicht auf einmal überblickbar sind.“ (Marcel Proust)

Nach dem die auch Fotografie ihre Unschuld und ihre Beweiskraft verloren hat, bedeutet das Bild des menschlichen Gesichts  auch das Durchspielen von Formen der Repräsentation. Der Inhalt ist höchstens noch am Blick identifizierbar.

 

Gegen die strammen Rechthabereien des Geschmacks und der Anatomie kombiniert Claudia Rößger ihre Pickles aus Ornamenten; Rhomben, Kreisen, Strichen, Ovalen, Zacken, Kreuzen oder Karos, die den kraftvollen Machenschaften von Farbe und Kombination willig untergeben scheinen.

Seifenblasen, Flügel, Dino-Zacken, Schwänze, Zöpfe, Hörner u. a. arbeiten am Unterlaufen der Vorstellungskraft mit und bauen ein ganz eigenes Gesichts-Feld.

Häuser wachsen aus Köpfen, ein Gesicht wird zur Murmelbahn, eine Schießbudenfigur zerknallt, der Schneckenmann rollt die Zunge wie ein Insekt, ein lila Engel beschützt das pinkelnde Mädchen - Claudia Rößger betreibt diese Dekonstruktion mit großer, ernster Hingabe, gegen den Vorwurf leichtfertiger Verspieltheit. Manche Figur gerät dabei in die würdige Aura der klassischen Büste („Eistüte“, „Linus“) oder verwandelt sich zu monumentaler Größe. So in „Häuschen“; mit minimalem zeichnerischen Aufwand wird aus dem Profilporträt eines Kindsgesichts eine beschwörend umschattete Festung mit prophetisch hexenhafter Mimikry - eine Bastion gegen die vermeintlich leichte Spielzeugwelt, eine Mahnung an deren Ernsthaftigkeit. Mit ähnlich leichtem Strich entsteht in „Blasen“ eine Melodramatik, der Ingrimm der „Roten Zora“ oder die Absenz in „Windpocken“, die hypnotische Lähmung in „Kreisel“ und manches mehr.

Claudia Rößger gehört nicht zu den Vegetariern unter den Künstlern, die niemandem weh tun und ein bestes Gewissen nach allen Seiten behalten möchten; sie kann aus der  Idee heraus kraftvoll und lustvoll losarbeiten und das Ergebnis gibt ihr recht und dem Betrachter gibt es die Freude am Überraschenden zurück. Das macht die kleine Schau im (plus*) Bereich der maerzgalerie in Leipzig ganz groß.

 

Dr. Tina Simon, Leipzig November 2011

 

Erschienen anlässlich der Ausstellung „mixed pickles“ in der maerzgalerie Leipzig, 2011.