Behauptungen zum Zustand des ICH.
Tina Simon, 2018

Claudia Rößger.

Susanne Altmann, 2017

(Fast schon) eine dialektische Übung

Neulich hat mir einer vorgeschlagen, ich sollte mal eine Figur auf einem Stuhl malen

von Norbert Wartig (©, April 2015, www.verlag.lnw.info) über eine Werkreihe von Claudia Rößger

 

Ein Gespräch zwischen Claudia Rößger (CR) und Norbert Wartig (NW) Anfang März 2015 im Atelier der Leipziger Künstlerin. Auf dem Boden allerhand kleinformatige Leinwände. Die Serie THE ACTORS. Allesamt mit einem Ausschnitt einer Figur. Portraits. Gemeint ist ein und dieselbe Person in verschiedenen Rollen. Geschlechtslos, weder jung noch alt, in gar eigenartigen Situationen. Merkwürdiges Ding. Der Kopf!

 

CR Ich kann mit Landschaft oder mit Stillleben nichts anfangen, das spricht nicht mit mir.

   Das ist vielleicht auch so eine Typsache.

 

NW Nun, manch einer behauptet, es sind die (schöpferischen) Ideen, die bleiben unter den

   vergänglichen Dingen. Was ist die Idee hinter deiner Bildserie THE ACTORS?

 

CR Die Idee war eine Reihe von Porträts im gleichen Format. Man hat seine Farbpalette –

   man hat sich beschränkt. Jetzt kann man sich in diesen Schranken austoben: was kann man mit

   diesem Kopf anstellen, was wird aus dem Kopf, wie verändert der sich, diese Idee, eine

   Figur, die Metamorphosen eingeht, die immer wieder einen anderen Charakterzug zeigt.

 

NW Das gibt mir die Richtung vor: Du mimst ein Rollenspiel. Die Hauptfigur fragt:

   Wer bin ich?

 

CR Die (Figur) soll ausprobieren, wer sie sein kann.

 

NW … und soll rundweg aufgeklärt reagieren? Beherbergt denn so ein Kopf so viel Ratio?

 

CR Wahrscheinlich unendlich (viel). Es ist die Frage, wie viel ertrage ich, wie viele Ideen

   kann ich rausholen – aber wahrscheinlich kann man das gar nicht so sagen.

 

NW Verstehe, es ist nicht einfach, denn du konstruierst selbst die Geschichten deiner Bilder.

   Wo steigst du ein – gibt es eine Methode?

 

CR Ich fange erst mal an zu arbeiten und dann entwickelt sich eine Geschichte: Was ist das für

   eine Figur? Was macht die? Was kriegt die? Also diese ganzen Attribute: was für eine

   Kopfbedeckung, was für ein Gesichtsausdruck, guckt die selbstbewusst oder ein bisschen

   verhuscht. Daraus entwickelt sich die Figur, setzt sich so zusammen, aus Attributen – wie

   Formen, Farben –, die mir irgendwo und irgendwann begegnet sind.

   Das ist immer wie ein Spiel! Ich male etwas, dann spricht (bestenfalls) das Bild zu mir,

   ich versuche, (es) zu verstehen, eine Form ergibt die nächste. Es ist (wie) ein

   Zwiegespräch.

 

NW … ein Spagat zwischen der Unbedingtheit und dem Ding. Nun gut! Wie radikal gehst du mit der

   Figur um?

 

CR Hier geht es allein um eine Person: wie ist die Person, was macht die Person, in welcher

   Situation befindet sich die Person, wie geht die Person mit dieser Situation um? Also:

   Was wissen wir? Nicht: Was wollen wir wissen? Ich möchte keinen Wissensbeitrag leisten.

   Ich möchte eher meine eigenen Fragen aufmalen … abmalen.

 

NW … und erzählst (uns) gemäß dem Satz „Zuerst empfinden wir, dann denken wir.“ (d)eine Sicht

   auf wahrgenommene Realität?

 

CR Es entwickelt sich im Laufe des Bildes (eine Geschichte), so zum Beispiel: Es gibt eine

   Frau, die besonders sein will, die sich besonders kleidet, eine Geliebte – so ein Luder!

   Wenn ich das Gesicht male, dann denke ich schon sehr stark nicht an die Person selbst

   sondern an so ein inneres Gesicht von so einer Maitresse. Und dann stellen sich solche

   Fragen: Warum macht sie das? Wie gehe ich damit um? Wie finde ich das?

 

NW Deine Fragen verdichten und beschränken gleichermaßen, obwohl die richtigen Antworten auch

   die praktische Freiheit bedeuten kann.

 

CR Ich fange zwar an zu verdichten – aber es gibt auch Flächen, die unfertig und geöffnet sind

   – weiter weiß ich dann nicht –, ich lass das so stehen. Ich weiß auch keine Antwort.

 

NW So besehen ist die Arbeit an der Portraitreihe ein pures Experiment für dich, um einen

   neuen Ansatz herauszuarbeiten.

 

CR Das Portrait generell ist nicht neu, das mache ich schon lange, auch die Beschäftigung mit

   der Figur, mit dem Mensch, mehr gibt es nicht, das sind die Hauptthemen, woran ich mich

   abarbeite.

 

NW Aber schlussendlich muss ich doch etwas erwarten können von THE ACTORS!

 

CR Es ist wie ein kleines Schauspiel: Das hier ist mein Ensemble, das sind meine verschiedenen

   Schauspielerrollen und Figuren, die ich gut finde, die ich spannend finde, die etwas

   machen, was mich bewegt …

 

NW … sehr schön. Aber das ganze Ding bleibt unfassbar für mich.

 

CR Ob es in irgendeiner Weise schön ist? Es kann auch hässlich sein, aber es soll eine

   Schönheit ausstrahlen.

 

NW Ich meine, vielleicht scheue ich nun den Rollen deines Kopfes – Um Gottes Willen, ich will

   nicht bekehrt werden!

 

CR Ich glaube, manchmal ist es sehr gut, wenn man wie an einem Geländer läuft und manchmal ist

   es eben auch frustrierend, weil man das in dem Moment gar nicht sein möchte. Vielleicht ist

   es auch in den Bildern beides. Zum einen hilft einem so eine Rolle, durch die Situation zu

   kommen oder durch Lebensabschnitte, zum anderen kann sie einen auch belasten und

   wahrscheinlich muss man eine Ausgeglichenheit finden, wo man sagt, so jetzt möchte ich aber

   für euch hier nicht mehr die Rolle spielen oder ich gehe jetzt oder ich bin jetzt so, wie

   ich mich eigentlich fühle. Neulich hat mir einer vorgeschlagen, ich sollte mal eine Figur

   auf einem Stuhl malen. Ich habe mir innerlich gedacht: Was für ein Quatsch. Aber vielleicht

   verändert sich das auch irgendwann noch.

 

ENDE