Behauptungen zum Zustand des ICH.
Tina Simon, 2018

Claudia Rößger

Fünf Hälse, fünf Köpfe wachsen aus einem einzigen weiblichen Oberkörper. Das Wesen in der Mitte schiebt sich in den Vordergrund, nicht zuletzt, weil es (sie?) eine hohe schwarze Pelzmütze trägt. Polyzephalie, „Mehrköpfigkeit“, nennt Schöpferin Claudia Rößger dieses Gemälde von 2016. Die Pinselführung ist betont linkisch, die Gesichter sind irgendwie austauschbar und wirken ungerührt. Kürzlich hat Rößger dieses Motiv als Aufmacher für ihre Soloschau „Ich und die Anderen“ verwendet. Es erinnert an eine berühmte Darstellung von Martin Luther als siebenköpfigem Ungeheuer aus der Reformationszeit. Während bei dem Reformatorenkonterfei von 1529 alle Facetten von dessen gefährlicher Unbotmäßigkeit aufgeführt werden, scheint Polyzephalie eher subjektiv auf die, ach, fünf Seelen der vorgestellten Frau abzuheben.

 

In gewisser Weise könnte es ein Selbstportrait der Künstlerin sein. Denn Claudia Rößger arbeitet mehrgleisig. Sie tritt als leidenschaftliche Zeichnerin auf, als Malerin sowieso, und neuerdings arbeitet sie an Druckgrafiken, meist Linolschnitten und Collagen. Zwar springt sie leichtfüßig von Medium zu Medium, nimmt aber stets ihr variables Figurenpersonal mit. Sie hat sich eine Art enzyklopädisches Reservoir von Typen angelegt, die sie The Actors nennt, „Schauspieler“. In der Tat verkörpern diese Akteure eher Rollen oder Gefühlszustände, als das irgendwer konkret portraitiert würde. Meist treten sie einzeln auf, maximal zu zweit, und wirken wie maskiert oder kostümiert. Sie führen offenbar eine zeitlose „Menschliche Komödie“ auf, bei der es auf Präsenz ankommt und weniger auf die Handlung. Ganz anders als ihre männlichen Kommilitonen von einst – Matthias Weischer, David Schnell oder Tim Eitel, die noch jedes Bildelement akribisch ausformulierten – kultivierte Claudia Rößger ihre tastenden, absichtsvoll einfachen Linien. Diese radikale Reduktion und der stilistische Mut zum Risiko und zum Scheitern sind ihr stärkstes Markenzeichen.

 

Susanne Altmann, Kunsthistorikerin (VG Wort), Dresden, 2017

 

aus „Leipziger Löwinnen“, erschienen in art. Das Kunstmagazin, 08/2017