Behauptungen zum Zustand des ICH.
Tina Simon, 2018

Claudia Rößger.

Susanne Altmann, 2017

all my saints

Maerzgalerie Berlin. Hier zeigt Claudia Rößger „All my Saints“. Bei der Besichtigung „Heiligen“ entwickelt sich ein Gedanke. Hier sind die geheimsten Fantasien und Träume wiedergegeben, in skurril anmutenden Konstellationen; hier gekritzelt, da bruchstückhaft, wie Träume eben so sind. Alice in Wonderland lässt grüßen. Das ist sicher kein Zufall. Die Welt in der wir leben und die Verhältnisse, die uns umgeben, lässt man sich nicht von Glitzerkram und markigen Sprüchen täuschen, sind so undurchsichtig geworden und doch zugleich so durchschaubar... Wir sind nicht zu Universalität, sondern im Spezialistentum erzogen, können nicht mehr vernetzen, weil wir gar nicht mehr so recht wissen, was wie und womit. Das wäre tragisch, hätten wir nicht Träume, die uns helfen, damit klar zu kommen. Wirklichkeit sind Spesen, Träume sind Ertrag, hat Georg Kreisler einmal gesungen. Ist das nicht kindisch? Nein: kindhaft. Sich zu erinnern, wie Kinder die Welt sehen, aus dem sehr niedrigen Blickwinkel, und sie spielend erfahren und also entdecken, das ist spätestens seit Rousseau (Jean-Jacques und Henri !) ein probates Mittel von Reflexion und Aufarbeitung. Aber da war ja auch noch Hieronymos Bosch...  Und Altenbourg! Ach, es ist ein Kreuz mit den Augen! Sagte Karl Valentin. Und so geht’s mir auch. Ich sehe die Bilder, Zeichnungen und Collagen von Claudia Rößger, erfreue mich, an welch unheiligen Stellen die Heiligenscheine, manchmal gar ganze Kugeln sich finden, spüre die Intimität mit der sie innerstes offenbart, lese ihre Gedanken und Gefühle für die Welt in der sie lebt, verstehe ihre Träume und Ängste (wähne ich zumindest). Ich genieße und kann nichts dazu sagen. Und weiß nicht warum. Weil mich die von Rößger angebotene Offenheit irritiert und hindert, indiskret zu werden? Oder weil ich mich selbst tief innen ertappt fühle? Weil die wunderbare Naivität dieser gnadenlosen Weltsicht mich entwaffnet, oder weil ich spüre, was ich verloren habe? Weiß der Kuckuck, ich nicht. Gefallen hat’s mir, berührt auch, und was ich sah, wird mich noch ein Weilchen beschäftigen.

 

Ulrich von Döltzschen in: „Die Welt“, Berlin 2010

 

Erschienen anlässlich der Ausstellung „all my saints“ in der maerzgalerie Berlin, 2010